Wie ich zur Digitalfotografie kam

Wie ein Hausbau meine Fotografie modernisierte

Mit der Fotografie beschäftige ich mich seit meinem 25. Lebensjahr. Damals gab es weder Speicherkarten noch RAW-Dateien. Wer fotografieren wollte, brauchte Filme, Chemikalien und vor allem Geduld. In meinem selbst eingerichteten Fotolabor entwickelte ich Schwarzweißfilme, fertigte Baryt-Abzüge an und verbrachte viele Stunden zwischen Entwicklerbad und Fixierer. Ein gelungenes Foto war das Ergebnis harter Arbeit.

Während meine Arbeitskollegen bereits von der Digitalfotografie schwärmten, blieb ich skeptisch. „Digital ist die Zukunft“, sagten sie. Ich war überzeugt: An die Qualität eines guten Negativs würde keine Digitalkamera herankommen.

Dann kam der Hausbau.

Gemeinsam mit meinem Vater, einem begnadeten Zimmermann, planten wir einen Anbau an das Elternhaus. Dafür musste ein neuer Abflusskanal verlegt werden – ausgerechnet durch mein Fotolabor. Ich wollte meine Ausrüstung nach Feierabend in Sicherheit bringen. Doch mein Vater war schneller.

Als ich nach Hause kam, war der Kanal bereits geflext.

„Keine Sorge“, sagte er stolz. „Ich habe alles mit Decken abgedeckt.“

Als ich die erste Decke anhob, blickte ich auf eine gleichmäßig graue Schicht feinsten Betonstaubs. Vergrößerer, Objektive, Messgeräte und Timer hatten eine neue matte Beschichtung erhalten. Selbst die Staubmäuse hätten dort eine Stauballergie bekommen.

Zwar ließ sich einiges reinigen, doch mein mühsam aufgebautes Fotolabor war praktisch Geschichte. Damit endete auch meine analoge Fotografie.

Erst Jahre später entdeckte ich die Fotografie neu – diesmal digital. Statt Filme zu entwickeln, bearbeite ich heute RAW-Dateien. Statt stundenlang im Rotlicht zu stehen, verbringe ich meine Zeit dort, wo ich immer sein wollte: draußen in der Natur.

Rückblickend war der zerstörte Fotolaborraum wohl die ungewöhnlichste Umschulung vom Analog- zum Digitalfotografen.

Wenn mich heute jemand fragt, warum ich digital fotografiere, antworte ich schmunzelnd: „Weil mein Vater beschlossen hat, dass durch mein Fotolabor dringend ein Abflusskanal musste.“

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