Wer heute durch die Wälder, Täler und Felder des Lipperlandes wandert, bewegt sich durch eine Landschaft, deren Geschichte weit über die menschliche Vergangenheit hinausreicht. Unter unseren Füßen liegen Gesteine und Sedimente, die von längst vergangenen Meeren, wechselnden Klimaten und ausgestorbenen Lebenswelten erzählen.
Dabei reicht der Blick über die heutigen Grenzen Lippes hinaus. Manche Spuren dieser Vergangenheit sind unmittelbar hier belegt, andere stammen aus der näheren Umgebung und helfen, die Landschaft zu verstehen, in die Lippe einst eingebettet war.
Ein Land, das einmal Meeresboden war
Vor Millionen Jahren sah die Region völlig anders aus als heute. Im Erdmittelalter bedeckten Meere große Teile des heutigen Nordwestdeutschlands. Besonders im Jura entstanden mächtige marine Gesteinsschichten, die heute unter anderem in den Mittelgebirgen Westfalens aufgeschlossen sind.
Die damalige Landschaft war ein Wechselspiel aus Meer, Küsten und Inseln. Das heutige Wiehengebirge bei Minden lag in einer solchen Welt. Dort wurde 1998 der später als Wiehenvenator albati beschriebene Raubsaurier entdeckt. Der etwa 165 Millionen Jahre alte Dinosaurier war vermutlich acht bis zehn Meter lang und gehört zu den größten bisher in Deutschland gefundenen Raubsauriern. Die Fossilien stammen aus dem Oberjura.
Die Knochen und Zähne lagen in Meeressedimenten. Der Fund zeigt damit nicht nur die Existenz großer Raubsaurier im damaligen Westfalen, sondern auch, wie grundlegend sich die Landschaft seitdem verändert hat.
Die Urnordsee und der Megalodon
Auch nach dem Zeitalter der Dinosaurier veränderten sich die Meeresräume immer wieder. Im Miozän, vor rund 13 Millionen Jahren, erstreckte sich die Urnordsee weit über die heutige Küstenlinie hinaus.
Ein außergewöhnlicher Fundplatz liegt an der Ankumer Höhe nordwestlich von Osnabrück. In den dortigen miozänen Meeresablagerungen wurden zahlreiche Fossilien entdeckt, darunter Zähne des riesigen Raubhais Otodus megalodon und Knochen großer Zahnwale.
Der Fund ist auch deshalb bemerkenswert, weil er zeigt, wie weit die damaligen Meeresräume nach Süden reichten. Die Ankumer Höhe gilt als südlichster Nachweis von Otodus megalodon aus miozänen Ablagerungen der deutschen Paläo-Nordsee.
Der Megalodon lebte allerdings nicht in der Dinosaurierzeit. Er erschien erst im Miozän und überlebte bis ins frühe Pliozän. Die bekannten Fossilien belegen seine weite Verbreitung in warmen und gemäßigten Meeren. Einen konkreten Megalodon-Fund aus dem heutigen Lippe gibt es dagegen nicht.
Als die Eiszeit die Landschaft veränderte
Noch wesentlich jünger ist die Geschichte des Quartärs, das vor etwa 2,6 Millionen Jahren begann. Wiederkehrende Kalt- und Warmzeiten veränderten Klima, Vegetation und Tierwelt grundlegend.
Während der Kaltzeiten entstanden offene, teilweise tundrenartige Landschaften. Rentiere, Wildpferde, Wisente und andere große Pflanzenfresser fanden dort geeignete Lebensräume. In besonders kalten Phasen kamen auch Wollnashörner und Mammuts vor.
Die skandinavischen Inlandeise erreichten während einzelner Vereisungsphasen weite Teile Norddeutschlands. Auch das Lipperland wurde durch die Eiszeiten und ihre Schmelzwässer beeinflusst, wobei das Eis nicht in jeder Phase und nicht überall gleich weit vordrang.
In wärmeren Zwischenzeiten breiteten sich Wälder wieder aus. Die Landschaft war deshalb einem ständigen Wechsel unterworfen: Offene Kältesteppen konnten von bewaldeten Warmzeitlandschaften abgelöst werden, bevor die nächste Kaltzeit erneut einsetzte.
Der älteste bekannte Werkzeugfund Westfalens
Mit den ersten Menschen beginnt ein neues Kapitel.
Ein außergewöhnliches Zeugnis stammt aus Bad Salzuflen. Dort wurde 1997 bei Bauarbeiten ein Faustkeil aus Kieselschiefer entdeckt. Das LWL bezeichnet ihn als den ältesten bekannten Fund Westfalens. Sein Alter wird mit etwa 300.000 bis 350.000 Jahren angegeben.
Der Faustkeil wird dem Umfeld des Homo heidelbergensis zugerechnet. Die sorgfältige Bearbeitung des Steins zeigt, dass die Menschen jener Zeit bereits über ausgeprägte Kenntnisse der Steinbearbeitung verfügten. Solche Werkzeuge konnten unter anderem zum Schneiden und Zerlegen von Beutetieren oder zur Bearbeitung von Holz verwendet werden.
Der Fund erlaubt allerdings nicht die Vorstellung einer kontinuierlich besiedelten Landschaft. Die damaligen Menschen waren Jäger und Sammler und bewegten sich in Abhängigkeit von Klima, Jahreszeit und verfügbaren Ressourcen.
Die Rentierjäger an den Externsteinen
Ein wesentlich jüngeres Zeugnis menschlicher Anwesenheit befindet sich an den Externsteinen bei Horn-Bad Meinberg.
Dort wurden 1934 und 1935 zwei Stielspitzen aus baltischem Feuerstein entdeckt. Sie stammen aus der Zeit um 10.000 v. Chr. und werden der Ahrensburger Kultur des Spätpaläolithikums zugeordnet. Zusammen mit weiteren Feuersteinfunden und zwei Feuerstellen belegen sie einen Lagerplatz von Jägern und Sammlern.
Die Menschen lebten damals am Ende der letzten Eiszeit. Westfalen war noch von einem kühlen, offenen Landschaftsbild geprägt. Rentierherden durchzogen diese Lebensräume und bildeten eine wichtige Nahrungsgrundlage.
Die kleinen Feuersteine von den Externsteinen vermitteln deshalb eine ungewöhnliche Nähe zur Vergangenheit. Vor rund 12.000 Jahren hielten sich hier Menschen auf – an denselben markanten Felsen, die heute zu den bekanntesten Landschaftsmerkmalen Lippes gehören.
Von der Eiszeit zur Kulturlandschaft
Nach dem Ende der letzten Kaltzeit erwärmte sich das Klima. Wälder breiteten sich aus, Tiere und Pflanzen veränderten ihre Lebensräume und die offene Eiszeitlandschaft verschwand allmählich.
Erst Jahrtausende später veränderte der Mensch die Landschaft in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Mit Ackerbau und Viehzucht entstanden dauerhafte Siedlungen, Wälder wurden gerodet und Felder angelegt. Schritt für Schritt entwickelte sich die Kulturlandschaft, die wir heute kennen.
Wenn ich heute durch das Lipperland gehe, sehe ich deshalb nur die jüngste Oberfläche einer sehr viel älteren Geschichte. Der Boden unter meinen Füßen war einst Teil eines Meeresbeckens. In der weiteren Umgebung lebten Raubsaurier und später der Megalodon. Eiszeiten veränderten die Landschaft, und Menschen hinterließen hier bereits vor Hunderttausenden von Jahren ihre ersten Werkzeuge.
Manche dieser Spuren sind spektakulär, andere wirken unscheinbar. Ein gewaltiger Raubsaurier, ein fossiler Haizahn oder ein Mammut wecken sofort unsere Vorstellungskraft. Ein bearbeiteter Stein dagegen passt leicht in eine Hand. Doch gerade solche unscheinbaren Funde machen die Vergangenheit greifbar: Sie verbinden eine Landschaft, die sich über Millionen Jahre verändert hat, mit den Menschen, die sie immer wieder durchquerten, nutzten und schließlich dauerhaft prägten.