Wie ich zur Digitalfotografie kam

Wie ein Hausbau meine Fotografie modernisierte

Mit der Fotografie beschäftige ich mich, seit ich etwa 25 Jahre alt war. Damals gab es noch keine Speicherkarten, keine RAW-Dateien und schon gar keine Regler für Belichtung oder Weißabgleich am Computer. Wer fotografieren wollte, brauchte Filme, Chemikalien, Geduld – und die Bereitschaft, einen großen Teil seiner Freizeit freiwillig im Dunkeln zu verbringen.

Ich hatte mir zu Hause ein eigenes Fotolabor eingerichtet. Dort entwickelte ich Schwarzweißfilme, vergrößerte Bilder auf Fotopapier und experimentierte stundenlang mit Belichtungszeiten. Besonders stolz war ich auf meine Baryt-Abzüge. Die wurden gewässert, getrocknet und anschließend mit einer Heizpresse schön glatt gebügelt. Wer das nie gemacht hat, kann sich kaum vorstellen, wie viel Arbeit hinter einem einzigen perfekten Foto steckte.

Heute genügt ein Mausklick. Damals fühlte sich schon ein gelungenes Bild wie ein kleiner Nobelpreis an.

Eigentlich wäre ich aber viel lieber draußen in der Natur unterwegs gewesen, statt stundenlang zwischen Entwicklerbad und Fixierer zu stehen. Doch das gehörte nun einmal dazu. Wer analog fotografierte, musste sich sein Bild hart erarbeiten.

Währenddessen schwärmten meine fotobegeisterten Arbeitskollegen bereits von der neuen Digitalfotografie. In jeder Mittagspause wurde diskutiert.

„Digital ist die Zukunft!“

„Nie wieder Filme kaufen!“

„Die Bilder siehst du sofort!“

Ich winkte nur ab.

„Mag ja sein“, sagte ich. „Aber an die Qualität eines guten Negativs kommt das nie heran.“

Für mich war die Sache klar: Analog war nicht nur besser – Analog war Fotografie. Alles andere war Spielerei.

Das Schicksal hatte allerdings einen ganz eigenen Sinn für Humor.

Irgendwann wurde es Zeit, für die Zukunft zu planen. Ich wollte eine eigene Wohnung haben. Gemeinsam mit meinem Vater, der Zimmermann war und praktisch alles bauen konnte, planten wir einen Anbau an das Elternhaus.

Mein Vater war ein Macher.

Wenn er sagte: „Das erledigen wir morgen“, dann bedeutete das meistens: „Ich habe schon angefangen.“

Bei den Bauarbeiten musste leider ein neuer Abflusskanal verlegt werden. Unglücklicherweise führte der direkt durch mein Fotolabor.

Ich dachte mir: Kein Problem. Nach der Arbeit räume ich schnell meine komplette Fotoausrüstung in Sicherheit.

Ein folgenschwerer Irrtum.

Als ich nach Hause kam, hörte ich schon das vertraute Geräusch eines Trennschleifers.

Mein Vater war schneller gewesen.

Er hatte bereits einen schönen, geraden Kanal quer durch mein Fotolabor geflext.

„Keine Sorge!“, begrüßte er mich stolz. „Ich habe alles sorgfältig mit Decken abgedeckt.“

In diesem Moment ahnte ich bereits Schlimmes.

Ich hob vorsichtig eine Decke hoch.

Darunter lag nicht etwa meine blitzsaubere Ausrüstung.

Nein.

Dort befand sich eine gleichmäßig graue Landschaft aus feinstem Betonstaub.

Vergrößerer, Objektive, Messgeräte, Timer – alles hatte eine neue, matte Spezialbeschichtung erhalten.

Selbst Staubmäuse hätten dort eine Stauballergie bekommen.

Ich stand sprachlos mitten im Labor.

Mein Vater schaute mich zufrieden an.

„Siehst du? Fast gar nichts schmutzig geworden.“

Fast.

Ich glaube, wir hatten an diesem Tag eine sehr unterschiedliche Definition des Wortes „fast“.

Natürlich konnte man einiges reinigen. Aber viele Geräte hatten ordentlich gelitten. Mein mühsam aufgebautes Fotolabor war praktisch Geschichte.

Damit endete meine analoge Hobbyfotografie ziemlich abrupt.

Zunächst war ich einfach nur frustriert. Irgendwie fehlte mir die Lust, wieder ganz von vorne anzufangen. Also blieb die Kamera für viele Jahre im Schrank.

Erst lange Zeit später packte mich die Fotografie wieder.

Nur eines wusste ich inzwischen ganz sicher:

Zurück in die Dunkelkammer wollte ich nicht mehr.

Ich wollte fotografieren – nicht stundenlang Chemikalien mischen.

Also kaufte ich mir einen Computer, eine Digitalkamera und Photoshop.

Anfangs war das schon eine kleine Umstellung. Plötzlich gab es Ebenen statt Entwickler, Histogramme statt Belichtungsmesser und die Bilder entstanden am Bildschirm statt unter dem Rotlicht.

Und was soll ich sagen?

Meine Arbeitskollegen hatten damals gar nicht so unrecht.

Heute verbringe ich meine Zeit wieder dort, wo ich sie eigentlich immer verbringen wollte: draußen in der Natur.

Statt Filme zu entwickeln, entwickle ich heute RAW-Dateien. Statt Papier in die Heizpresse zu legen, drücke ich auf „Speichern“.

Manchmal denke ich noch schmunzelnd an den Tag zurück, an dem mein Vater mein Fotolabor mit einem Abflusskanal modernisierte.

Rückblickend war das wahrscheinlich die ungewöhnlichste Umschulung vom Analog- zum Digitalfotografen, die man sich vorstellen kann.

Und wenn mich heute jemand fragt, warum ich digital fotografiere, antworte ich grinsend:

„Weil mein Vater beschlossen hat, dass durch mein Fotolabor dringend ein Kanal musste.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert