Das dunkle Kapitel der Hexenverfolgung
Das dunkle Kapitel der Hexenverfolgung gehört zu den tragischsten Abschnitten der europäischen Geschichte. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung ist das Phänomen kein Produkt des „finsteren Mittelalters“, sondern ein Phänomen der Frühen Neuzeit – einer Epoche des Umbruchs, der Krisen und der tiefen religiösen Ängste. In Deutschland, dem Kernland des Terrors, nahm die Tragödie besonders grausame Ausmaße an. Ein erschütterndes regionales Epizentrum dieses Wahns lag im heutigen Nordrhein-Westfalen: der Grafschaft Lippe.
Die Anfänge des Hexenwahns in Deutschland
Der systematische Hexenwahn entwickelte sich im ausgehenden 15. Jahrhundert. Ein wesentlicher Katalysator war die Veröffentlichung des Buchs „Der Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) im Jahr 1486 durch den Inquisitor Heinrich Kramer. Das Werk lieferte die theologische und rechtliche Rechtfertigung für die systematische Jagd auf vermeintliche Zauberinnen und Zauberer.
Angetrieben von der „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. aus dem Jahr 1532 – der Carolina – wurde die Folter legalisiert, um Geständnisse zu erzwingen. Zwischen 1500 und 1782 wurden im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation schätzungsweise 25.000 Menschen hingerichtet. Besonders verheerend waren die Wellen während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), als Seuchen, Missernten und Hunger die verzweifelte Bevölkerung nach Sündenböcken suchen ließen.
Die Grafschaft Lippe und das „Hexennest“ Lemgo
Innerhalb der Grafschaft Lippe nahm die Verfolgung eine Dimension an, die Historiker bis heute erschüttert. Während in der Residenzstadt Detmold rund 50 Menschen den Flammen zum Opfer fielen, entwickelte sich die Hansestadt Lemgo zum unangefochtenen Zentrum des Terrors in der Region.
In Lemgo wütete der Wahn zwischen 1509 und 1681 besonders brutal. Der erste bekannte Zaubereiprozess fand 1509 statt (14 Frauen und ein Scholastikus, sieben Hinrichtungen). Die systematische Dokumentation der Prozesse beginnt ab 1583. Mindestens 254 Menschen wurden hier verurteilt, rund 220 verloren ihr Leben – darunter 38 Männer. Dass die Verfolgung hier so exzessiv ausfiel, lag an einer juristischen Besonderheit: Lemgo besaß ab 1617 die eigenständige Blutgerichtsbarkeit – die Stadt durfte also selbstständig Todesurteile fällen, ohne den lippischen Landesherrn um Erlaubnis zu bitten.
Die Akteure: Hermann Cothmann, der „Hexenbürgermeister“
Ein Name ist untrennbar mit den Schrecken in Lemgo verbunden: Hermann Cothmann, der berüchtigte „Hexenbürgermeister“. Cothmann bewohnte das sogenannte Hexenbürgermeisterhaus von 1661 bis 1683. Unter seiner Amtszeit als Bürgermeister erreichte die letzte große Verfolgungswelle ihren Höhepunkt. Ab 1628 begann bereits eine intensive Phase mit mindestens 110 Beschuldigten und 84 Hinrichtungen. Cothmann galt als besonders eifriger Hexenjäger und nutzte Prozesse intensiv.
Hexenbürgermeisterhaus
Das ehemalige Wohnhaus Hermann Cothmanns in Lemgo steht bis heute. Es gilt als eines der bedeutendsten Baudenkmäler der Weserrenaissance und beherbergt heute ein städtisches Museum, das die Schrecken der Prozesse dokumentiert.
Das Ende des Terrors
Das Ende der Hexenprozesse in Lippe wurde durch den mutigen Widerstand einzelner Personen eingeläutet. Die wohl bekannteste Frau der lippischen Geschichte ist Maria Rampendahl. Sie war 1681 die letzte Person, die in Lemgo wegen Zauberei im Rahmen eines Hexenprozesses beschuldigt wurde. Trotz schwerster Folter weigerte sie sich standhaft, ein Geständnis abzulegen. Sie wurde schließlich der Stadt verwiesen und zog vor das Reichskammergericht, um gegen ihre Peiniger zu klagen.
Auch wenn sie den Prozess verlor, war das Signal deutlich: Der rechtlose Terror war gebrochen. Im Jahr 1715 wurde das berüchtigte „Schwarze Buch“ von Lemgo, in dem alle Hexereibeschuldigungen festgehalten waren, am 31. Dezember 1715 öffentlich auf dem Marktplatz zerschnitten und verbrannt. Zurück blieb eine traumatisierte Region und die historische Pflicht, an die unschuldigen Opfer zu erinnern.