Hier ist der originale Wortlaut, wie ihn Jacob und Wilhelm Grimm 1816 in ihren Deutschen Sagen (Band 1, Sage Nr. 245) unter dem Titel „Die Kinder zu Hameln“ niedergeschrieben haben:
Die Kinder zu Hameln
Im Jahr 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielen, bunten Farben an, weshalb er Bunting genannt wurde, und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen einen gewissen Lohn die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien. Die Bürger wurden mit ihm einig und bestellten ihm eine gewisse Summe.
Der Rattenfänger zog darauf ein Pfeifchen heraus und pfiff. Da kamen alsbald die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorgerannt und sammelten sich um ihn herum. Als er nun meinte, es wäre keine zurückgeblieben, ging er voran aus der Stadt hinaus in die Weser; die ganze Schar folgte ihm nach, stürzte sich in das Wasser und ertrank.
Als aber die Bürger sich von ihrer Plage befreit sahen, reute sie der versprochene Lohn, und sie verweigerten ihn dem Manne unter allerlei Vorwenden, so daß er ergrimmt und erbittert wegging.
Am 26. Juni, auf den Tag der heiligen Johannis und Pauli, morgens um sieben Uhr (nach anderen um Mittag), erschien er wieder, jetzt in Gestalt eines Jägers, mit erschrecklichem Angesicht, einem roten, wunderlichen Hut, und ließ seine Pfeife in den Gassen hören. Alsbald kamen diesmal nicht Ratten und Mäuse, sondern Kinder, Knaben und Mägdlein vom vierten Jahre an, in großer Anzahl gelaufen, worunter auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters war. Die ganze Schar folgte ihm nach, und er führte sie hinaus in einen Berg, wo er mit ihnen verschwand.
Dies hatte eine Kindermagd gesehen, die mit einem Kinde auf dem Arm von ferne nachgefolgt war, dann umkehrte und das Gerücht in der Stadt ausbreitete. Die Eltern liefen haufenweise vor alle Tore und suchten mit betrübtem Herzen ihre Kinder; die Mütter erhoben ein jämmerliches Schreien und Weinen. Von Stund an wurden Boten zu Wasser und Land an alle Orte ausgeschickt, zu erfahren, ob man die Kinder oder nur einige davon gesehen, aber alles vergeblich.
Es waren im Ganzen einhundertunddreißig verloren. Zwei, so einige sagen, waren langsamer gewesen und hinterhergeblieben, die kamen wieder, davon war aber das eine blind, das andere stumm; das blinde konnte den Ort nicht zeigen, aber wohl erzählen, wie sie dem Pfeifer gefolgt wären, das stumme konnte den Ort zeigen, obgleich es nichts gehört hatte. Ein Knäblein war im Hemd mitgelaufen und umgekehrt, seinen Rock zu holen, dadurch war es dem Unglück entgangen; denn als es wiedergekommen, waren die andern schon in der Kluft des Berges verschwunden, die man noch jetzt zeigt.
Die Straße, durch welche die Kinder zum Tor hinausgegangen, hieß noch im vorigen Jahrhundert (und heißt wohl noch) die bunge- (trommel-) lose, weil kein Tanz darin gehalten, noch ein Spielwerk gerührt werden durfte. Ja, wenn eine Hochzeit mit Musik nach der Kirche zog, mußte die Pfeife stumm werden, sobald sie an diese Straße kam. Der Berg bei Hameln, wo die Kinder verschwunden, heißt der Koppen. Zwei Kreuze sind auf ihm aufgerichtet, eins links, das andere rechts.