Hochlandrinder und Exmoor-Ponys

Ein Urwald für die Zukunft: Wildnisabenteuer in der Wistinghauser Senne

Am Südrand des Teutoburger Waldes, dort wo die sandige Heidelandschaft der Senne beginnt, läuft eines der faszinierendsten Naturschutzprojekte Deutschlands. Die Wistinghauser Senne, gelegen im Kreis Lippe, wandelt sich Schritt für Schritt zurück in eine Urlandschaft. Das Ziel? Die Entstehung eines „Urwaldes von morgen“. Doch statt den Wald komplett sich selbst zu überlassen, setzen die Naturschützer auf ganz besondere, vierbeinige Landschaftsarchitekten: schottische Hochlandrinder und Exmoor-Ponys.

Das Konzept: Natur Schutz durch sanften Verbiss

Wer an Urwald denkt, hat oft dichte, undurchdringliche Wälder vor Augen. Historisch gesehen sah die europäische Wildnis jedoch anders aus. Sie war ein dynamisches Mosaik aus dichten Waldstücken, offenen Lichtungen und halboffenen Weidelandschaften. Genau dieses Gleichgewicht soll in der Wistinghauser Senne wiederhergestellt werden.

Das Projektgebiet umfasst eine Fläche von rund 200 Hektar. Hier dürfen sich die Bäume frei entfalten, Totholz bleibt liegen und die Natur bestimmt das Tempo. Damit das Areal jedoch nicht komplett mit Kiefern und Birken zuwächst – was die typische, lichtdurchflutete Heidelandschaft verdrängen würde –, kommen die großen Weidetiere als natürliche „Rasenmäher“ zum Einsatz.

Die tierischen Baumeister: Hochlandrinder und Exmoor-Ponys

Die Wahl der Tierarten ist kein Zufall. Sowohl die schottischen Hochlandrinder als auch die Exmoor-Ponys sind extrem robust, wetterfest und können das ganze Jahr über im Freien leben. Sie übernehmen die Rolle, die in der europäischen Urzeit längst ausgestorbene Wildrinder (Auerochsen) und Wildpferde (Tarpanen) innehatten.

  • Schottische Hochlandrinder: Mit ihren markanten Hörnern und dem zotteligen Fell brechen sie durch dichtes Gestrüpp. Sie fressen nicht nur Gras, sondern schälen auch die Rinde junger Bäume ab und halten Gehölze im Zaum.
  • Exmoor-Ponys: Diese seltene, urtümliche Pferderasse gilt als direkter Nachfahre der europäischen Wildpferde. Sie sind wählerischer beim Gras, knabbern dafür aber mit Vorliebe an harten Binsen und dornigen Sträuchern, die andere Tiere verschmähen.

Durch das unterschiedliche Fressverhalten der beiden Arten entsteht eine unglaublich abwechslungsreiche Landschaft. Wo die Tiere den Boden aufwühlen oder Pfade austreten, entstehen offene Sandflächen. Diese sind überlebenswichtig für spezialisierte Insekten, Eidechsen und seltene Vogelarten wie den Ziegenmelker.

Ein Gewinn für die biologische Vielfalt

Das Experiment zeigt bereits messbare Erfolge. Die Wistinghauser Senne hat sich zu einem Hotspot der Biodiversität entwickelt. Durch den gezielten Verbiss der Tiere entstehen lichte Waldstrukturen, in denen bedrohte Lichtwald-Arten eine neue Heimat finden. Wo das Licht den Waldboden erreicht, keimen plötzlich wieder seltene Pflanzen. Das Totholz wiederum bietet Pilzen, Käfern und Fledermäusen perfekten Lebensraum. Das Projekt beweist eindrucksvoll, dass Naturschutz und die Förderung von Wildnisbereichen in unserer Kulturlandschaft Hand in Hand gehen können.

Erleben und Verstehen: Naturtourismus mit Weitblick

Die Wistinghauser Senne ist kein abgeschlossenes Labor – sie ist für Menschen erlebbar. Ein gut ausgebautes Netz von Wanderwegen führt entlang und teilweise durch das Projektgebiet. Aussichtsplattformen bieten Besuchern die Möglichkeit, mit etwas Geduld die majestätischen Hochlandrinder oder die scheuen Exmoor-Ponys in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Infotafeln erklären das Zusammenspiel von Tier und Natur.

Die Wistinghauser Senne zeigt eindrucksvoll, wie moderner Naturschutz funktioniert: Es geht nicht darum, die Natur einzufrieren, sondern ihr den Raum und die Dynamik zurückzugeben, sich selbst zu heilen. Ein echter Urwald von morgen – direkt vor unserer Haustür.