Die Hexenholz-Wunder des Weserberglands: Auf den Spuren der Süntelbuche
Wer durch die dichten Wälder des Weserberglands wandert, erwartet majestätische, kerzengerade Buchen, die wie die Säulen einer gotischen Kathedrale in den Himmel ragen. Doch an einigen versteckten Orten bricht die Natur ihre eigenen Regeln. Hier wachsen Bäume, die aussehen, als entsprächen sie der Fantasie eines Märchenbuchautors: die Süntelbuchen. Mit ihren verdrehten Stämmen, miteinander verwachsenen Ästen und tief hängenden Kronen gehören sie zu den seltensten und faszinierendsten Baumformen Europas.
Ein genetisches Rätsel im Unterholz
Die Süntelbuche (Fagus sylvatica var. tortuosa) ist keine eigene botanische Art, sondern eine seltene Mutation unserer heimischen Rotbuche. Das markanteste Merkmal ist ihr zickzackförmiger Wuchs. Statt gerade nach oben zu streben, winden, drehen und knicken die Äste in alle Richtungen. Oft wachsen Zweige wieder mit dem Hauptstamm zusammen oder schlagen Wurzeln, sobald sie den Boden berühren. So entstehen bizarre, tunnelartige Kriechbuchen, die im Sommer schattige Höhlen bilden und im Winter wie skurrile Skulpturen im Nebel stehen.
Lange Zeit war diese Wuchsform den Menschen unheimlich. Im Volksmund taufte man die Bäume „Hexenholz“, „Teufelsbuchen“ oder „Schlangenbuchen“. Man glaubte, die Plätze, an denen sie wuchsen, seien verwunschen. Für die Forstwirtschaft waren sie jahrhundertelang wertlos: Ihr Holz ließ sich weder zu Brettern sägen noch taugte es als Bauholz. Aus diesem Grund wurden die Bestände im 19. Jahrhundert im namensgebenden Süntel – einem Höhenzug nördlich von Hameln – fast vollständig gerodet.
Rettung der verbliebenen Riesen
Dass wir diese botanischen Raritäten heute überhaupt noch bewundern können, ist engagierten Naturschützern und glücklichen Zufällen zu verdanken. Das größte verbliebene Vorkommen im Weserbergland befindet sich heute nicht mehr im tiefen Wald, sondern in einer Kulturlandschaft.
Im Kurpark von Bad Nenndorf steht die weltweit einzigartige Süntelbuchenallee. Vor über 100 Jahren wurden hier knapp 100 dieser Bäume nebeneinander gepflanzt. Heute formen die ineinander verkeilten Kronen ein lebendes, grünes Dach, das jährlich Tausende Besucher anlockt. Auch auf dem Kracksberg bei Hülsede im Süntel wachsen noch einige beeindruckende Altexemplare inmitten der Natur, die als Naturdenkmäler streng geschützt sind.
Wussten Sie schon? Eine Süntelbuche wird selten höher als 15 Meter, kann aber durch ihre ausladende, kriechende Wuchsform eine enorme Breite von über 25 Metern erreichen. Sie wächst extrem langsam und wird oft nicht älter als 200 bis 300 Jahre, da die schweren, quer gewachsenen Äste unter ihrer eigenen Last brechen.
Warum das Weserbergland die Heimat bleibt
Obwohl die Mutation theoretisch überall auftreten kann, liegt das Epizentrum der Süntelbuche historisch im Weserbergland. Durch gezielte Nachzuchtprojekte wird versucht, den genetischen Pool dieser seltenen Bäume zu sichern. Das ist gar nicht so einfach: Aus den Samen (Eckern) einer Süntelbuche entsteht nur in etwa der Hälfte der Fälle wieder eine echte, krüppelwüchsige Buche – der Rest wächst völlig normal und gerade heran.
Ein Ausflug in das Weserbergland lohnt sich zu jeder Jahreszeit, um diese Naturwunder zu erleben. Während sie im Sommer unter einem dichten Blätterkleid geheimnisvolle Verstecke formen, offenbaren sie ihr bizarres, fast dramatisches Skelett erst im Spätherbst und Winter, wenn das Laub gefallen ist. Sie erinnern uns daran, dass die Natur auch abseits der Perfektion eine ganz eigene, faszinierende Schönheit besitzt.