
Ki generierte neue Zeiten am Bahnhof mit Extertalbahn, und alte Zeiten Schloß Alverdissen
Die Geschichte des Gebietes rund um den heutigen Barntruper Ortsteil Alverdissen spannt einen faszinierenden Bogen von den ersten nomadischen Jägern bis hin zur planmäßigen Errichtung eines wehrhaften Fleckens im hohen Mittelalter. Das Quellgebiet der Exter im lippischen Bergland bot mit seinen fruchtbaren Böden, dichten Wäldern und dem ausgeprägten Wasserreichtum seit jeher ideale Bedingungen für menschliche Ansiedlungen. Wo heute historisches Fachwerk das Ortsbild prägt, hinterließen schon vor Jahrtausenden Menschen ihre Spuren.
1. Die Urgeschichte: Von der Steinzeit bis zur Eisenzeit
In der Alt- und Mittelsteinzeit war das Hügelland des heutigen Kreises Lippe noch keine feste Heimat, sondern vor allem ein ergiebiges Jagdrevier. Nomadisierende Gruppen von Jägern und Sammlern zogen durch die unberührten Wälder und folgten den natürlichen Lebensadern der Region – den Flussläufen von Weser, Bega und Exter. Sie blieben nie lange an einem Ort, sondern ziehen den Wildtierherden hinterher.
Das änderte sich grundlegend mit dem Beginn der Jungsteinzeit (ab ca. 5000 v. Chr.). Die Menschen wurden sesshaft, bauten erste feste Behausungen und begannen, die Landschaft aktiv zu gestalten. Die fruchtbaren Lössböden rund um das Extertal eigneten sich hervorragend für den frühen Ackerbau und die Viehzucht. Archäologische Funde aus dem gesamten lippischen Raum – darunter sorgfältig geschliffene Steinbeile, steinerne Pfeilspitzen und charakteristische Keramikreste – belegen eindrucksvoll, dass die Region fortan kontinuierlich besiedelt war.
In der anschließenden Bronze- und Eisenzeit verdichtete sich diese Besiedlung zusehends. Die Menschen lernten die Metallverarbeitung und organisierten sich in festeren Dorfgemeinschaften. Spuren dieser Epoche lassen sich in der Region noch heute oft in der Landschaft erahnen: Hügelgräberfelder, die im Schutz der umliegenden Höhenzüge angelegt wurden, zeugen von der dauerhaften Präsenz der frühen Siedler.
2. Römische Kaiserzeit und Frühmittelalter
Während der römischen Expansionsversuche um die Zeitenwende lag das heutige Alverdissen im Herzen des freien Germaniens. Es war der Siedlungsraum des germanischen Stammes der Cherusker. Nach der legendären Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. zogen sich die Legionen Roms hinter den Limes zurück. Die Region blieb frei von römischer Besetzung. Dennoch war man nicht isoliert: Über weitverzweigte Handelswege stand die hiesige Bevölkerung in regem kulturellem und wirtschaftlichem Austausch mit dem Römischen Reich, wovon vereinzelte römische Münzfunde in Lippe künden.
Im Frühmittelalter (ab dem 6. bis 8. Jahrhundert) war das Gebiet Teil des sächsischen Stammesgebietes, genauer gesagt der Teillandschaft Engern. In dieser Zeit trat mit Widukind (auch Wittekind) eine der prägenden Gestalten der Region hervor. Als Anführer des sächsischen Widerstands gegen Karl den Großen wurde er zur Symbolfigur eines langen und erbitterten Abwehrkampfes.
Auch in der Landschaft des heutigen Ostwestfalen-Lippe hat Widukind bis heute deutliche Spuren im kulturellen Gedächtnis hinterlassen. Besonders der Wittekindsberg bei Porta Westfalica, nur wenige Dutzend Kilometer nördlich von Alverdissen, gilt in der regionalen Überlieferung als einer seiner Rückzugsorte. Zahlreiche Sagen berichten, dass sich Widukind hier verborgen gehalten oder von hier aus den Widerstand organisiert habe. Ortsnamen, Flurbezeichnungen und volkstümliche Erzählungen der weiteren Umgebung greifen diese Erinnerungen auf und verankern die historische Figur fest im regionalen Raum.
Der Wendepunkt kam um 785: Widukind unterwarf sich Karl dem Großen und ließ sich taufen, der Überlieferung nach in Attigny. Mit diesem Schritt endete nicht nur der organisierte Widerstand, sondern es begann auch die tiefgreifende Umgestaltung der sächsischen Gesellschaft.
Mit den langjährigen, erbitterten Sachsenkriegen Karls des Großen wurde das Land Ende des 8. Jahrhunderts endgültig in das Fränkische Reich eingegliedert. Mit den fränkischen Eroberern kam die Christianisierung. Das Land wurde strategisch neu geordnet. Es entstanden die ersten sogenannten Urhöfe (Meyerhöfe). Diese herrschaftlichen Haupthöfe bildeten das wirtschaftliche und administrative Fundament der Region und wurden zu den Keimzellen, aus denen sich Jahrhunderte später die heutigen Dörfer entwickelten.
3. Die erste Erwähnung (1151) und die planmäßige Ortsanlage
Der Name Alverdissen taucht schließlich im Hochmittelalter aus dem Dunkel der Geschichte auf. Im Jahr 1151 wurde der Ort in einem Güterverzeichnis des hochedlen, reichsunmittelbaren Stifts Herford unter dem Namen „Alwerdessen“ erstmals urkundlich erwähnt.
Zu dieser Zeit war Alverdissen allerdings noch kein geschlossenes Dorf, sondern eine rein bäuerliche Streusiedlung, bestehend aus wenigen, lose verteilten Hofstellen inmitten von Feldern und Wiesen. Der Name selbst verrät viel über die Entstehung: Er leitet sich wahrscheinlich von einem sächsischen Edling oder Siedlungsgründer namens Alward ab. „Alwerdessen“ bedeutete demnach schlicht und ergreifend „Siedlung des Alward“ – das bleibende Denkmal eines Mannes, der vor fast 900 Jahren den Grundstein für den heutigen historischen Marktflecken legte.