Die Wanderziegler

„Die lippischen Ziegler“ – Wanderarbeiter, die aus purer wirtschaftlicher Not zu gefragten Spezialisten des europäischen Baubooms wurden*

Das Erbe der Armut

Die Massenwanderung, die im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, hatte tiefe soziale Ursachen. Das Fürstentum Lippe war ein agrarisch geprägtes, armes Land. Durch das lippische Anerbenrecht übernahm in der Regel der älteste Sohn den elterlichen Hof. Für die jüngeren Geschwister blieb oft nur die Perspektive, sich als schlecht bezahlte Knechte durchzuschlagen. Als Mitte des 19. Jahrhunderts auch noch das traditionelle häusliche Leinengewerbe durch die industrielle Konkurrenz einbrach, gab es in der Heimat kaum noch Überlebenschancen.

Das „Ziegelgehen“ wurde zum Rettungsanker. Die Männer aus dem Raum Barntrup, Alverdissen und Selbeck nutzten eine Nische: Während die Industrialisierung an Lippe vorbeizog, stieg der Bedarf an Baumaterialien in den expandierenden Großstädten rasant an. Die Lipper brachten das nötige Handwerk und eine eiserne Disziplin mit.

Knochenarbeit im Takt des Brandmeisters

Die Ziegelsaison, auch „Kampagne“ genannt, dauerte von April bis October (wettersbedingt bis November). Organisiert waren die Arbeiter in festen Gruppen, den sogenannten „Kompagnien“. An ihrer Spitze stand der Brandmeister (oder Ziegelmeister), der oft direkt aus der Heimat stammte und die Verträge mit den Ziegeleibesitzern aushandelte.

Die Realität auf den Ziegeleien war von extremer körperlicher Belastung geprägt:

  • Arbeitszeiten: Gearbeitet wurde im Akkord, oft bis zu 16 Stunden am Tag, vom ersten Sonnenstrahl bis in die Nacht.
  • Lebensbedingungen: Um möglichst viel Geld nach Hause zu schicken, lebten die Männer extrem sparsam. Sie haustaen in primitiven Baracken und Kotten direkt an den Öfen und verpflegten sich selbst.
  • Feierabendarbeit: In den wenigen freien Stunden formten die Ziegler aus Ton oft nützliche Alltagsgegenstände, wie die typischen lippischen Fußwärmer (Feuerkieke), um sie im Winter in der Heimat zu verkaufen.

Während die Männer in der Fremde schufteten, lag die gesamte Last des heimischen Lebens auf den Schultern der Frauen. In Alverdissen und Barntrup mussten sie die kleinen Pachtgrundstücke bewirtschaften, das Vieh versorgen, die Kinder erziehen und die Ernte einbringen – völlig auf sich allein gestellt.

Identität und Erinnerung in Barntrup und Alverdissen

Mit der zunehmenden Mechanisierung der Ziegeleien um 1900, bei der Maschinen die schwere Handarbeit ersetzten, ging die Ära der Wanderziegler langsam zu Ende. Doch die Identität der Region ist bis heute tief davon geprägt.

In der Stadt Barntrup und ihren Ortsteilen wird diese Geschichte aktiv gepflegt. Ein lebendiges Beispiel ist der Ziegler- und Heimatverein Selbeck e.V. im Barntruper Stadtgebiet, der 1894 gegründet wurde und die Erinnerung an das Schicksel der Vorfahren im Alltag wachhält. Die Zieglervereine waren im 19. Jahrhundert nicht nur Geselligkeitsclubs, sondern wichtige Solidargemeinschaften, die verunglückte Kameraden oder Witwen finanziell unterstützten.

Wenn man heute durch Alverdissen oder Barntrup geht, erinnern Denkmäler, Straßennamen und die Chroniken der traditionsreichen Zieglervereine an jene Generationen, die mit ihrer Hände Arbeit den Grundstein für den Wohlstand der Region legten. Sie waren keine freiwilligen Abenteurer, sondern Wirtschaftsflüchtlinge der eigenen Zeit, deren Fleiß im gesamten norddeutschen Raum Legende wurde.