Zeugen aus dem ewigen Eis: Die eiszeitlichen Riesen von Extertal und der Linnenbeeke
Wer heute durch das sanfte Hügelland des Extertals oder die Täler im Kreis Herford wandert, blickt auf eine idyllische, vom Menschen geprägte Kulturlandschaft. Doch der Schein trügt. Vor mehr als 100.000 Jahren herrschte hier eine Dynamik von unvorstellbarer Urgewalt. Gewaltige, hunderte Meter dicke Inlandeismassen schoben sich aus Skandinavien bis an den Rand der deutschen Mittelgebirge vor. Als das Eis schließlich schmolz, hinterließ es stumme, monumentale Zeugen dieser Epoche: gigantische Findlinge. Besonders faszinierende Spuren dieser eiszeitlichen Wanderungen finden sich im nördlichen Extertal bei Almena sowie an der Linnenbeeke im Kreis Herford.
Das Extertal im Griff der Gletscher
Die Landschaft des heutigen Extertals wurde maßgeblich durch die Saale-Kaltzeit geprägt, die ihren Höhepunkt vor ca. 230.000–200.000 Jahren im Drenthe-Stadium erreichte. Das skandinavische Inlandeis drang damals mit unbändiger Kraft nach Süden vor, planierte ganze Landschaften und hobelte Täler aus. Im Eis eingeschlossen waren gigantische Gesteinsbrocken, die aus den Gebirgen Schwedens und Norwegens herausgebrochen wurden.
Als das Klima umschlug und die Temperaturen stiegen, zogen sich die Gletscher nicht einfach zurück – sie schmolzen an Ort und Stelle ab. Das mitgeführte Material, von feinem Sand bis hin zu tonnenschweren Felsen, blieb einfach liegen. Im nördlichen Extertal, rund um das Dorf Almena, traten diese „erratischen Blöcke“ (vom lateinischen errare für „irren“ oder „umherschweifen“) besonders häufig zutage. Für die spätere Besiedlung der Region spielten sie eine wichtige Rolle: Schon die Menschen der Jungsteinzeit nutzten die Riesensteine, und im Mittelalter dienten die harten skandinavischen Granite oft als unzerstörbare Fundamente für Kirchen und Gehöfte.
Ein bekannter Findling bei Almena ist der Evastein – ein 4 Meter langer, 2 Meter breiter und 1,6 Meter hoher Granitblock, der als Naturdenkmal geschützt ist.
Spurensuche an der Linnenbeeke im Kreis Herford
Ein ähnliches geologisches Phänomen lässt sich ein Stück weiter westlich, an der Linnenbeeke im Kreis Herford, beobachten. Das Flusssystem der Linnenbeeke hat sich im Laufe der Jahrtausende tief in die eiszeitlichen Ablagerungen eingeschnitten. Bei Waldarbeiten, Flurbereinigungen oder schlicht durch die natürliche Erosion der Bachläufe wurden hier immer wieder kapital e Großgeschiebe freigelegt.
Die Linnenbeeke ist ein Naturschutzgebiet und bekannt für etwa 1.500 Findlinge, die vom Bach freigespült wurden. Diese Steine, die oft tief im Waldboden oder im Flussbett der Linnenbeeke schlummern, bestehen meist aus rötlichem oder grauem Granit, Porphyr oder Gneis. Geologen können anhand der mineralogischen Zusammensetzung exakt bestimmen, woher die Riesen stammen – viele von ihnen traten ihre Reise im heutigen Südschweden oder auf dem Boden der Ostsee an. Sie haben eine Strecke von weit über 1.000 Kilometern zurückgelegt, tief eingefroren im Bauch eines Gletschers.
Naturdenkmäler unter Schutz
Lange Zeit waren diese Findlinge den Menschen ein Rätsel. Vor der wissenschaftlichen Erkenntnis der Eiszeit-Theorie im 19. Jahrhundert glaubte man oft, die riesigen Steine seien Überbleibsel der biblischen Sintflut oder von Riesen und dem Teufel im Zorn dorthin geschleudert worden.
Heute wissen wir es besser, und die verbliebenen Riesensteine stehen unter strengem Schutz. Ab einer gewissen Größe werden die Findlinge im Extertal und im Kreis Herford als Naturdenkmäler eingestuft. Sie dürfen weder bewegt, beschädigt noch baulich verändert werden. Sie sind wertvolle Archive der Erdgeschichte: An ihren oft glatt geschliffenen Oberflächen und tiefen Kratzern (Gletscherschrammen) können Wissenschaftler noch heute die Fließrichtung des damaligen Eises ablesen.
Wer heute in Almena oder an den Ufern der Linnenbeeke auf einen solchen moosbewachsenen Urzeit-Riesen stößt, steht direkt vor einem Stück skandinavischer Bergwelt – transportiert vom größten Logistikunternehmen der Erdgeschichte: dem Eis.