Der pflichtbewusste Soldat im Schatten des Eisernen Kanzlers
Als Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde, war das für ihn kein triumphaler Moment des Jubels. Der preußische König sah den neuen Titel mit deutlicher Zurückhaltung; er wollte die preußische Königswürde nicht geschmälert wissen und stand der Kaiserkrone zunächst skeptisch gegenüber. Diese innere Distanz passt zu seinem Charakter: Wilhelm I. war kein politischer Visionär, sondern ein konservativer Monarch alten Zuschnitts, geprägt von Pflichtbewusstsein, Militärtradition und einem starken Glauben an Staat und Armee.
Der Kartätschenprinz und die Revolution
Geboren 1797 als zweiter Sohn Friedrich Wilhelms III. und der Königin Luise, war Wilhelm ursprünglich nicht für die Thronfolge bestimmt. Seine Ausbildung war stark militärisch geprägt, und genau das prägte sein Weltbild: Disziplin, Gehorsam, Gottesgnadentum und die herausgehobene Stellung des Heeres bestimmten sein Denken.
Während der Revolution von 1848 zeigte Wilhelm sich entschieden antirevolutionär. Er stand für die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands und wurde wegen seiner harten Haltung später als „Kartätschenprinz“ bekannt. Der Spitzname begleitete ihn lange und machte ihn in liberalen Kreisen äußerst unpopulär. Erst als sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. nach einem Schlaganfall regierungsunfähig wurde, übernahm Wilhelm 1858 als Prinzregent die Regierung und bestieg 1861 den preußischen Thron.
Das Bündnis mit Bismarck
Schon bald geriet Wilhelm in einen schweren Verfassungskonflikt mit dem liberal dominierten Abgeordnetenhaus. Streitpunkt war die Finanzierung einer umfassenden Heeresreform. Wilhelm wollte die Armee stärken und war bereit, dafür notfalls sogar den Thron zu verlassen. In dieser Lage berief er 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten.
Damit begann eine der folgenreichsten politischen Partnerschaften des 19. Jahrhunderts. Das Verhältnis zwischen König und Ministerpräsident war keineswegs frei von Spannungen. Bismarck setzte auf Machtpolitik, war oft rücksichtslos und verstand es, den Monarchen mit Entschlossenheit und Druck an seine Seite zu binden. Wilhelm vertraute ihm dennoch immer wieder, auch wenn es zwischen beiden häufig zu heftigen Auseinandersetzungen kam.
Gemeinsam führten sie Preußen durch die drei Einigungskriege: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich und 1870/71 gegen Frankreich. Aus diesen Kriegen ging das Deutsche Kaiserreich hervor.
Der Kaiser als Symbol der Einheit
Trotz seiner anfänglichen Vorbehalte erfüllte Wilhelm I. die neue Rolle als Kaiser mit Würde. Während Bismarck die Politik bestimmte, wurde der Monarch zum symbolischen Mittelpunkt des neuen Reiches. Im Laufe der Zeit wandelte sich auch sein öffentliches Bild: Aus dem einst geschmähten „Kartätschenprinzen“ wurde der populäre „Greisenkaiser“.
Die Attentate von 1878 verstärkten diese Entwicklung noch. Wilhelm überlebte sowohl den Anschlag von Max Hödel als auch den von Karl Nobiling; letzterer verletzte ihn schwer. Die Reichsöffentlichkeit reagierte mit großer Anteilnahme, und Wilhelm gewann dadurch zusätzlich an persönlicher Popularität. Auch seine schlichte Lebensweise trug zu diesem Bild bei. So wurde er trotz aller monarchischen Repräsentation häufig als bescheiden und pflichtbewusst wahrgenommen.
Wilhelm I. starb am 9. März 1888 in Berlin im Alter von 90 Jahren. Er hinterließ ein geeintes Reich, das nach außen politisch und militärisch stark erschien, im Inneren aber von autoritären Strukturen, politischen Spannungen und Konflikten mit Sozialdemokraten und nationalen Minderheiten geprägt war. Wilhelm I. war kein großer Gestalter im modernen Sinn. Doch seine Disziplin, seine Standhaftigkeit und sein Pflichtgefühl machten ihn zu einer Schlüsselfigur der deutschen Reichsgründung.