Zigarrenfabrik Steneberg

Der Duft der großen weiten Welt: Als Barntrup eine Zigarrenstadt war

Wer heute durch die Mittelstraße in Barntrup geht, sieht ein markantes Backstein-Ensemble: die ehemalige Fabrik und Villa Steneberg. Wo heute Büros, Wohnungen und öffentliche Einrichtungen untergebracht sind, lag einst das Zentrum eines bedeutenden Barntruper Industriezweigs. Über viele Jahrzehnte prägte die Tabakverarbeitung das wirtschaftliche Leben der Stadt. Die Zigarre war dabei nicht nur ein Genussmittel, sondern für Barntrup ein wichtiger Motor des Aufschwungs.

Vom Laden zur Fabrik

Die Geschichte der Barntruper Tabakverarbeitung ist eng mit der Familie Steneberg verbunden. Bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieb die Familie einen Gemischtwarenladen und ließ daneben Zigarren fertigen. In der Anfangszeit waren die Arbeitsbedingungen einfach und beengt: Die Produktion fand zunächst in Hinterräumen des Geschäfts und teilweise in Heimarbeit statt.

Einen wichtigen Schritt zur Industrialisierung machte Heinrich Konrad Steneberg im Jahr 1883. Er ließ an der Mittelstraße eine moderne Zigarrenfabrik errichten; direkt dahinter entstand die repräsentative Fabrikantenvilla. Die neuen Räume boten deutlich bessere Bedingungen für die Arbeit und die Belüftung der Produktionsstätten.

Die Produktion wuchs in den folgenden Jahrzehnten stark an. Um die Jahrhundertwende beschäftigte das Unternehmen bereits mehr als 100 Menschen in der Fabrik, hinzu kamen zahlreiche Heimarbeiter im Umland. Der Gebäudekomplex entwickelte sich zu einem kleinen Industriezentrum. Bis in die 1930er Jahre gehörten dazu unter anderem Zigarrenmachersäle, Tabaklager, eine Sortiererei, ein Meisterhaus, eine Kistenmacherei und eine Schmiede. Ein eigener Dampfkessel lieferte bis zum Anschluss an das öffentliche Stromnetz die Energie für Fabrik und Villa.

„Stebali“ aus Barntrup

Die Barntruper Zigarren wurden unter dem Markennamen „Stebali“ vertrieben — ein Name, der für Steneberg, Barntrup und Lippe stand. Für die Herstellung kamen verschiedene Tabaksorten zum Einsatz. Für die hochwertigeren Zigarren wurden auch Tabake aus Übersee verwendet, unter anderem aus Java, Sumatra, Brasilien, Kuba und Virginia. Für einfachere Sorten bezog die Firma günstigere Tabake aus deutschen Anbaugebieten wie der Pfalz und dem Eichsfeld.

Für Barntrup war die Firma Steneberg ein zentraler Arbeitgeber. In den 1930er Jahren arbeiteten dort mehrere Hundert Menschen. Zu den Beschäftigten gehörten auch Jugendliche, was aus heutiger Sicht kritisch erscheint, in der damaligen Arbeitswelt aber leider nichts Ungewöhnliches war.

Das Ende der Produktion

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich der Tabakmarkt grundlegend. Die Zigarette gewann gegenüber der Zigarre immer stärker an Bedeutung, während die Nachfrage nach handwerklich hergestellten Zigarren zurückging. Gleichzeitig machte die zunehmende Mechanisierung viele kleinere Manufakturen wirtschaftlich weniger konkurrenzfähig.

1956 erhielt die Firma eine staatliche Stilllegungsprämie, die das Ende der Produktion beschleunigte. 1961 wurde die Zigarrenherstellung endgültig eingestellt; wenig später verschwand die Firma Steneberg aus dem Handelsregister.

Ein sichtbares Erbe

Bis heute erinnert das Gebäudeensemble an eine Zeit, in der Barntrup vom Tabak lebte. Die ehemalige Fabrik und Villa sind ein bedeutendes Denkmal der lippischen Industriegeschichte. Wer sich näher informieren möchte, findet im Vorraum der städtischen Bücherei, die heute in der alten Fabrik untergebracht ist, eine Dokumentation zur Geschichte der „Stebali“-Zigarren.